Willkommen im Trauminsel Blog

Hervorgehoben



Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter möchten Sie in diesem Blog über alles informieren was mit Reisen zu tun hat. Sie finden viele Informationen zur Reisevorbereitung, wobei die Inseln des Indischen Ozeans natürlich im Mittelpunkt stehen. Es werden Gesundheitsfragen und Besonderheiten der Fluggesellschaften angesprochen, Reiseberichte unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stimmen auf Reiseziele ein. Aber es gibt auch Empfehlungen zur Erledigung von Aufgaben die manchmal nach der Reise anfallen. Klicken Sie sich einfach durch die vielen Themen, es ist bestimmt auch etwas für Sie Interessantes dabei! 

Wir freuen uns besonders, wenn auch Sie Ihre Erfahrungen zu den angesprochenen Themen mitteilen und unseren “Trauminsel Blog” damit noch interessanter machen. Wenn Sie etwas zu einem noch nicht existierenden Thema sagen möchten, schicken Sie uns einfach eine Email. Wir werden Ihr Thema dann in einem neuen Artikel in Ihrem Auftrag veröffentlichen.

Mora Mora

Herzlichen Dank an unseren Gast Nils Schlimmer, der uns erlaubte den Bericht über seine Madagskarreise hier zu veröffentlichen

Mora mora

„Mora mora“ bedeutet in Malagasy so viel wie „doucement“, eben: „nich‘ aufregen, Bruder“. So sitze ich zum Beispiel gerade an der Westküste der kleinen Insel Tsarabanjina im Indischen Ozean und sehe einem jungen Mann zu, der eine Wand weißelt. An sich nichts dabei, allerdings beschränkt sich diese nahezu liebkosende Bedächtigkeit in der letzten Stunde auf geschätzte zwei Quadratmeter  Putz. Die Nacht wird beide einholen und die letzte spärliche Reflexion des blendenden Weiß verschlucken – und wenn schon. Auch morgen wird es Wände, Sonne und weitere zwei Quadratmeter Wand geben – mora mora, Mann!

Im modernen Gesundheitswesen heißt mora „Stückzeitakkord“, auch wenn es keiner zugibt. Mit einem regelmäßigen Feierabend zumindest sollte man sich schon deshalb nicht anfreunden und so gerät unsere Urlaubsvorbereitung in der Regel zu einem allabendlichen hinterlistigen Beißen und Stechen zwischen sämtlichen Freud‘schen Instanzen und dem bereits in älteren Reiseberichten hinlänglich umrissenen Morpheus.

Auch dieses Mal ist es nicht anders. Pünktlich zur dunkelsten Jahreszeit erreicht uns der Katalog der „Trauminsel Reisen“, eine Vanilleschote als kleine zusätzliche Motivation anbei. Da müssen wir natürlich hin. Aber wo ist dieses „da“? Wo ist der Ort, der hält, was eine süße Ahnung verspricht, die sich nun vollkommen unkonkret aber pochend in den Frontallappen gepflanzt hat?

Über die Jahre haben wir ein ausgesprochen romantisches System der Urlaubszielfindung erarbeitet, welches auf tiefem gegenseitigem Verständnis, unablässiger Kommunikation und dem Miteinander (der Seele einer Ehe) beruht. Diese anthroposophische Sternstunde spielt sich dergestalt ab, dass meine Frau – wenn sie mal zu Hause ist – rosa Post-its an ihre Wunschziele im Katalog anbringt und ich – wenn ich denn mal zu Hause bin – grüne. Dort, wo die Klebchen sich treffen, wird hingefahren ohne zu motzen – Schluss, aus, Ende.

Tatsächlich finden ein grünes und ein rosa Post-it ein Stelldichein auf dem Mutterland der Vanilleschote – als hätten sie’s gewusst. Wir fahren dorthin, wo der Pfeffer wächst: nach Madagaskar. Genauer gesagt haben wir uns für Nosy Tsarabanjina entschieden, ein Name wie eine Beschwörung aus einer fremden Welt. Auf Malagasy sagt er alles: „Nosy“ steht für Insel (im Mitsio-Archipel an der Nordostküste), „tsara“ bedeutet „schön“ und „banjina“ so etwas wie „Aussicht“.

Weniger schön erscheint uns die Aussicht, aus dem deutschen Februar anreisend, wieder ein Formvorderschinkendisplay à la Seychelloise abzugeben, bevor uns die ersten tropischen Sonnenstrahlen erneut in einen Römertopf verwandeln. Wir tragen uns mit dem Gedanken, ein Sonnenstudio zu besuchen und lesen im Dermatologenfachblatt „Fit-For-Fun“, dass das wohl nichts bringt, da die UVB-Bank offenbar nur den bereits vorhandenen Melanozyten die Pistole auf die Brust setzt und ihnen ihr im deutschen Winter bitter angespartes Melanin auspresst, während eine Proliferation der Oberhaut offensichtlich ausbleibt. Die „Fit-For-Fun“-Expertin Dr. Axt-Gadermann (im Nebenberuf Dr. Sommer) weist zwar auf Studios hin, die eine „echte Bräune“ lieferten, rät aber von diesen wegen des Hautkrebsrisikos ab. Also doch Römertopf? Nein, auch dafür ist laut Expertenrat eine Lösung gebacken: Karottensaft! In der Tat. Schon ab grob geschätzten fünf Kubik beginnt die Farbstoffeinlagerung in Haut und Skleren, was dann definitiv vor Sonnenbrand schützt – ein Kaninchen mit Sonnenbrand ist mir auch tatsächlich nie untergekommen. Zur Vermeidung jeglicher Insolation schließen wir uns daher ab Ende Januar im Keller ein und ernähren uns ausschließlich von Karottensaft, bis wir den Primäraspekt Twilightsaga erreicht haben. Gut, der Postbote und der Pizzalieferant haben jetzt Angst vor uns aber wie schön es doch ist, gefürchtet zu werden. Als uns immer mehr Kollegen raten, doch einmal unsere Leberwerte checken zu lassen, brechen wir das Experiment schließlich ab und stellen uns bei einem Sonnenstudio vor. Wir verwirren die freundliche Aushilfskraft mit Schilderungen vom Axt-Gadermann‘schen Twilight-Kaninchen ohne Sonnenbrand und finden über ein elaboriertes multiple-choice-System heraus, Hauttyp 3 von 4 zu besitzen. Doch damit nicht genug. Kaum eine Woche später empfängt uns im nächsten Studio derselben Kette eine junge Dame, von der ich zunächst annehme, sie trüge eine Ganzkörperledermontur, bevor mir bei näherer Betrachtung klar wird, dass es sich hier um die vielbeschiene proliferierte Oberhaut handelt… Nun scheint die Sonne in diesem Studio sehr intensiv zu wirken und auch die Schädeldecke zu durchdringen, anders kann ich mir die im Folgenden unverfälscht wiedergegebene Konversation nicht einmal ansatzweise erklären:

-  Seid ihr no-hoi?

-  Nein, wir waren schon mal da, aber im Nachbarort.

-  Aber hier no-hoi? Dann müsst ihr das hier ausfüllen.

-  Das haben wir schon, wir haben Hauttyp 3. (… auf einer Skala, die mit Ihnen – 10 – abschließt)

-  Woher wisst ihr das?

-  Wir waren schon mal da, aber im Nachbarort.

-  Aber hier noch nicht?

-  Nein, aber genau das haben wir ausgefüllt. Wir haben Hauttyp 3.

-  Könnt ihr das dann bitte ausfüllen…

-  Wir… ach, scheiß drauf.

Wir machen beide einen Kringel um die zartocker grundierte 3. Nach eingehender Prüfung unserer Bögen blickt sie uns erst einmal wortlos an.

-  Woher wisst ihr das?

-  Äh, genau das haben wir schon einmal ausgefüllt. Wir haben Hauttyp 3.

Wort- und gedankenlos faltet sie meinen Bogen um sich dem meiner Frau zu widmen.

-  Auch drei?

-  Mmh, 3. Haut – Typ – Drei. Drei. Welche Sonnenbank nimmt man denn da?

-  Die sind alle frei… Außer die sieben, die ist belegt.

-  Und welche empfehlen Sie?

-  Ja, also die sieben nicht, die ist belegt.

-  Ach was. Ich meine, für mittlere Bräune…

-  Das hängt vom Hauttyp ab.

-  Drei.

-  Du auch?

-  Ja, auch drei. (…zum Geier noch eins)

-  Da könnt ihr eigentlich alle nehmen. Außer der sieben…

-  Die ist belegt.

-  Ja, stimmt.

-  Dann nehm‘ ich die fünf.

-  Die iss aber boost.

-  Das heißt?

-  Die is‘ stärker.

-  Also lieber nicht?

-  Hängt vom Hauttyp ab.

-  Drei.

-  Du auch?

-  Ja, Herrgott!

-  Dann geben Sie mir die vier.

-  Da muss man den Hauttyp einstellen.

-  Drei.

-  Weiß ich doch. Und Du?

-  Ich nehm‘ dann die sieben.

-  Die ist belegt.

Letztlich kann nicht einmal die fachgerechte Beratung verhindern, dass unsere betacarotingeschwängerte Haut nun auch noch erstgradig verbrannt aussieht – und wieder kommen Zweifel hinsichtlich unseres Gesundheitszustandes auf. „Mann seht ihr scheiße aus.“ „Entweder das oder Fit-For-Fun-bunny im Römertopf!“ „Du hast doch auch n‘ mega Sockenschuss!“ „Was soll ich sagen, ein Leben mit Hauttyp 3 ist kein Zuckerschlecken…“

Bis auf die erwähnten kleinen Unannehmlichkeiten verläuft die weitere Planung dann problemlos, abgesehen von der Frage der Malariaprophylaxe, die wir lange hin und her wälzen, bis wir genug Erfahrungsberichte beisammen haben, die von unangenehmen krankheitsähnlichen Zuständen durch die Prophylaxe selbst handeln, weshalb wir uns für die Mitnahme von Stand-by-Medikamenten entscheiden. Als einzige prophylaktische Maßnahme ziehen wir uns auf die Überschwemmung unseres Interstitialraumes mit Gin Tonic zurück, den wir uns ehrlich teilen: Ich den Gin, meine Frau das Tonic.

Nach gut einer Woche ist dann alles für den Abflug bereit, vieles davon sogar bereits im Koffer, höchste Zeit, denn morgens geht es los. Unauffindbar ist nur das einzige Gepäckstück, das den Abflug aller anderen, inklusive uns zu verhindern vermag: der Reisepass. Die Reisepassecke meiner Frau befindet sich rechtsobenhinten in der oberen Schreibtischschublade und dort ist er nicht. Eine unterschwellige, dann schwellige und schließlich superschwellige Panik breitet sich aus. Mit dem Personalausweis werden die Afrikaner wohl nicht zufrieden sein, schließlich brauchen wir ein Visum. Wie wir noch erfahren, hätte sich das wohl alles finanziell regeln lassen, aber dazu später mehr.

Realistisch haben wir jetzt, um 21 Uhr, etwa zwölf Stunden für die Identitätssuche und Selbstfindung, bis die ganze Reise ausfällt. Wir krempeln also das Zimmer um, doch der Pass bleibt verschollen. Das freundliche Angebot ihres Vaters, sie möchte doch seinen Pass mitnehmen, da er ihn momentan nicht brauche, löst bei meiner Frau nicht die erhoffte Rückkehr zur Leichtigkeit aus, eher ein genervtes Grummeln. Am Ende unserer Suche kehren wir zu deren Anfängen zurück und hypothetisieren, dass es die IKEA-Bauweise durchaus zulässt, dass Objekte innerhalb des Möbels verlustig gehen. Nach der Entnahme der Schublade liegt er vor uns, der abtrünnige Kamerad, ohne den keiner von uns gereist wäre. Ich nehme ihn in die Hand und mustere ihn: „Der ist abgelaufen.“ Als ich die entgeisterte Reaktion meiner Frau registriere, löse ich schnell auf: „Neeh, war nur Spaß!“. Irgendwie ist ihr so gar nicht zum Scherzen zumute und ich vermeide den Rest des Abends originelle Bemerkungen, denn ich weiß, was gut für mich ist.

Abfluch

Es liegt Schnee, dennoch kommen wir rechtzeitig bei der Autoaufsicht am Flughafen an. Tor sieben wird uns eingebläut, da sollen wir in zwei Wochen wieder sein. Ich frage mich, ob die sieben immer noch belegt ist, verwerfe den Gedanken aber wieder.

Bei stürmischem Wetter geht es zuerst mal etwas holprig von Frankfurt nach Paris Charles-de-Gaulle, zu unserer Freude auf der Anzeigetafel als „Charles-de-Gueule“ ausgewiesen. Wir handeln mit der überforderten Dame am Schalter, die keine Möglichkeit sieht, unser Gepäck von Frankfurt nach Paris und von dort nach La Réunion zu leiten, aus, sie möchte unser Gepäck nur nach Paris schicken, wir würden es dort wieder abholen. Zu diesem Zeitpunkt scheint ein verlorener Koffer der größtmögliche Gau.

Am Charles-de-Gaulle Flughafen erfreuen wir uns an der James-Bond-Siebzigerjahre-Architektur, holen unsere Koffer ab und wundern uns, das alles so glatt läuft wie Chers neues Gesicht. Unserem Nachtflug nach La Réunion steht also nichts mehr im Weg. Wir boarden vom hinterletzten Gate des Terminal 2c und verbringen erst einmal über eine Stunde in Reihe 22 der Air Austral Maschine, bevor uns die Sache komisch vorkommt. Der vertrauenserdrückenden Durchsage, es stünde noch ein Technikcheck aus, folgt die Ansage des Kapitäns: „Due to technical difficulties, we are unable to perform this flight tonight.“ Na super. Und wir haben uns mit dem Pass noch so beeilt.

Air Austral hat aber schon die perfekte Lösung des Problems für die nun aufgescheuchten Fluggäste parat. Eine (wie alle folgenden) lediglich in gemurmeltem Französisch dargebotene Durchsage informiert uns, dass wir nun doch nicht (wie vorgesehen) alle aussteigen sollten, sondern diejenigen, die ein kostenloses Abendessen zu sich nehmen wollten, dies hier im Flugzeug tun könnten (auf ihren Plätzen), während die anderen aussteigen sollten, wodurch das Durcheinander noch heilloser wird.

Uns steht nicht der Sinn danach, in der gestrandeten Maschine ein Flugzeugessen zu uns zu nehmen, ohne zu wissen, wie es denn nun weitergehen soll. Wir verlassen die Maschine. Draußen bilden sich diejenigen Menschentrauben um die Schalter, die wir in den nächsten insgesamt dreiundfünfzig Stunden noch öfter sehen werden. Die Crew der Air Austral wurde von den Vorkommnissen offenbar ebenso überrascht wie wir. Die drei (!) abgestellten Stewardessen sind heillos damit überfordert, die insgesamt 442 Passagiere erst einmal zu dirigieren. Alle paar Minuten ergeht eine Planänderung per Durchsage auf Französisch, von der viele kein Wort verstehen. Die erste Stunde wird damit zugebracht, Einzelgespräche zu führen und drei (!) Business-Class Passagiere auf einen Parallelflug nach Mauritius umzubuchen, der aber ansonsten voll ist. Das sorgt für gute Stimmung am Gate und die ersten Economisten werden ausfällig. Findige Souvenirhändler stellen auf Mistgabeln und Fackeln um. Ich schleiche von einem Schalter zum anderen, um wenigstens aus den einzelnen         Konversationen ein paar Erkenntnisse zu ziehen. Nach einer guten weiteren Stunde werden alle Passagiere, die nicht umgebucht wurden, gebeten sich vor dem MacDonalds 9 Gates weiter (!) einzufinden. Dieser ist hierfür kaum geeignet, da mit Kunden gefüllt und nur durch einen schmalen Korridor vom nächsten Gate getrennt. Von weiterem Air Austral Personal fehlt jede Spur und die Diskussionen werden hitziger. Vor dem MacDonalds warten wir etwa eine dreiviertel Stunde ohne weitere Anweisungen. Ich pendele jeweils zwischen dem MacDo und dem neun Gates weiter gelegenen Schauplatz der nicht enden wollenden Diskussionen über die Anschlussflüge. Hier wird mir schließlich mitgeteilt, wir sollten unser Gepäck doch wieder abholen, es würde nun ausgeladen und  sei eine Etage tiefer empfangsbereit. Auf meine Frage, ob die Leute bei MacDonalds das denn auch wüssten, versucht sich eine Mitarbeiterin dorthin durchzuarbeiten, wird aber immer wieder aufgehalten. Schließlich dringt die Information als stille Post durch und die Passagiere setzen sich in        Bewegung. Am Gepäckband angekommen steht dieses still, von Air Austral fehlt jede Spur. Nach einer weiteren dreiviertel Stunde tauchen dann Crewmitglieder auf, die uns mitteilen, unser Gepäck würde nun doch nicht ausgeladen, um den Weiterflug zu vereinfachen. Wann dieser allerdings stattfindet (morgen womöglich bereits?) kann uns keiner sagen. Die Information, man solle sich außerhalb der Sicherheitszone am Air Austral Schalter melden, um ein Hotelvoucher für die Nacht zu erhalten, dringt durch. Diejenigen Fluggäste, die ihre Koffer benötigten, möchten sich bitte melden. Wir melden uns. Nicht nur, dass es wenig verlockend erscheint, morgen in denselben, inzwischen wenig ansehnlichen Klamotten wieder zu erscheinen, im Koffer haben wir außerdem unsere Medikamente.

Nachdem sich immer mehr Passagiere melden, kommt Seitens der Crew die Frage auf, ob man denn die Koffer wirklich brauche. Eine inquisitorische Grundhaltung entwickelt sich, in der ich recht kritisch gemustert werde, als ich mit unserem Gepäckschein an der Reihe (sofern man innerhalb einer weiteren Traube von Gepäckheretikern von Reihe sprechen kann) bin. Ob das denn wirklich nötig wäre, unsere Koffer auszuladen. Ja, meines Erachtens schon. Mit einzelnen Passagieren werden auch die Details besprochen, also was der Koffer denn enthalte und ob man dies oder jenes wirklich brauche. Die Koffer der Crew sind inzwischen schon ausgeladen. Die Gepäcknummern der aus dem Flugzeug zu holenden Gepäckstücke werden per (mehrfach ausfallendem) Mobiltelefon an die Verantwortlichen übermittelt. Für eine weitere Stunde steht das Gepäckband still, die einzigen, die   sich in dieser Situation überhaupt mit uns befassen, sind die beiden Zöllnerinnen, die – mangels Gepäck -natürlich gerade nichts zu tun haben und wenigstens Smalltalk halten. Momentan ist uns zum Aufgeben zu Mute und wir schmieden konkrete Pläne für eine Rückkehr mit dem TGV, glücklicher Weise kommt uns beiden dieser Gedanke nicht zur selben Zeit, sonst hätten wir wohl auf den Urlaub verzichtet.

Inzwischen ist die Stimmung so aufgeladen, dass einige Passagiere beginnen, die Überforderung des Personals per Handykamera zu dokumentieren, wobei ein Herr zur Herausgabe seines Handys aufgefordert wird – unter Drohung mit der Polizei.

Schließlich erhalten wir unsere Koffer und Stürzen uns in die nächste Traube für das Voucher. Dort erleben wir wütende Franzosen, die ihren Flug komplett stornieren und quasi per Videobeweis dokumentieren wollen, dass ihnen (auch jetzt kurz vor Mitternacht) noch keiner sagen kann, ob und wann ein Ersatzflug stattfindet (von Anschlussflügen ganz zu schweigen). Auch ihnen wird mit der Polizei gedroht. Wir setzen auf Konfliktvermeidung und holen uns unsere IBIS-Vouchers für die Nacht ab. Mit dem Flughafenzug gelangen wir dorthin und stehen – bei 5 Grad und Nieselregen – vor verschlossener Tür. Aus Sicherheitsgründen ist nachts hier nur die Hintertür geöffnet, auch wenn ca. 60 Personen pro Hotel gleichzeitig von einem stornierten Flug eintreffen. Unser Kleingrüppchen zieht um das Hotel. Ich bewundere ein kleines afrikanisches Mädchen, das die ständigen

Richtungsänderungen mit stoischer Ruhe erträgt, obwohl klar ist, dass es heute nicht nach Hause kommen wird. Im IBIS die nächste Traube und die sich verdichtende Erkenntnis, dass hier für heute Endstation ist. Nachdem wir unser Gepäck über die fleckenübersäten Achtzigerjahreteppiche nach 523 gerollt haben, festgestellt haben, dass der Schlüssel bei dieser Zimmergröße Tür und Fenster gleichzeitig schließt und die Mäuse einen Buckel haben, versuchen wir noch etwas Essbares zu finden. Fünf Minuten vor Toresschluss ergattern wir einen Salat und ein Sandwich sowie zwei Miniaturausgaben Les Jamelles im hoteleigenen Kiosk und werden in die Lobby gescheucht – Feierabend. Für heute hat man uns nur mitgeteilt, dass es morgen ab 6 Frühstück geben würde und wohl weitere Informationen.

Nach einer unruhigen Nacht betreten wir eine Dusche, deren dreieckige Grundfläche dem gestrigen Sandwich ähnelt, auch in der Dimension, was das Bebrausen entweder von vorn oder hinten erlaubt, dazwischen muss man (auch als normal konfigurierter Mitteleuropäer) die Kabine öffnen, um sich zu wenden. Im Frühstücksraum die nächste Traube – natürlich alle zwangsläufig mit ihrem Gepäck – und eine Tafel, die uns darüber informiert, man möchte bitte bis 8 Uhr im Bereich 2C9 erscheinen. Wir besehen kurz den Kampf ums kalte Büffet und entscheiden uns keinen Appetit zu haben. Im Bereich 2C9 herrscht eine bedächtige Stille, auch als der kleine Zeiger die Acht bereits für die nächsten zwölf Stunden hinter sich gelassen hat. Die Damen und Herren am benachbarten British-Airways Schalter werden stets auf den Flug nach La Réunion angesprochen und erklären mit britisch-freundlicher Persistenz lediglich für den geplanten Flug nach London-Heathrow zuständig zu sein. Tant pis.

Gegen viertel nach acht erscheinen zwei (!) verschlafene Air Austral Mitarbeiter um nun die gestern ausgeladenen Gepäckstücke wieder entgegenzunehmen. Da den beiden scheinbar auch nicht klar ist, weshalb eigentlich und wohin, beginnt der blonde Herr mit Halbglatze und bereits jetzt hochrotem Gesicht, erst einmal angestrengt zu telefonieren, für eine geschlagene Viertelstunde. Seine Kollegin sieht ihm dabei zu. Irgendwann rollt dann das (bis 09:15 Uhr vorgesehene)  Einchecken/Kofferabgeben an. Dann gibt zuerst mal der Kofferetikettendrucker den Geist auf und wird wiederbelebt. Eine knappe Stunde vor boarding sind wir an der Reihe. Aha, Anschlussflug. „Geht das Gepäck dann bis Nosy Be?“, werden wir gefragt. Das wollten wir eigentlich von dem inzwischen schlaganfallgefährdet wirkenden jungen Mann wissen. Wir wissen bislang nicht mal, wie es in La Réunion überhaupt weitergehen soll – und wann. Das muss er erst mal klären. Wieder 10 Minuten Telefonat. Gute Nachrichten, man wird ihm telefonisch Auskunft erteilen. Wir sollen uns da rüber stellen und warten, damit er weitermachen kann. Schön. Nach etwa zwanzig Minuten noch kein Rückruf. Etwas mehr als eine halbe Stunde bis boarding. Inzwischen sind wir und ein französisches Paar, das ebenfalls nach Tsarabanjina möchte, die letzten am Schalter. Ich möchte gerne  vorschlagen, unser Gepäck nur nach La Réunion einzuchecken, wir könnten es dann dort wieder aufgeben, wenn man wüsste, wie es weiterginge. Nachdem mir eine adäquate Formulierung auf Französisch eingefallen ist, trete ich an den Schalter: „Excusez-moi…“ Da versteht er gar keinen  Spaß. Neinneinein, er hat mir gesagt, ich solle warten, wir sollen ruhig sein und da drüben stehen bleiben. Ich trete wieder zurück. Die Szene, in der der junge Mann mit dem roten Kopf peinlich berührt und tatenlos mit verschränkten Armen hinter dem Schalter sitzt, bemüht, unbedingt den Augenkontakt mit uns oder dem anderen Paar (aber auch mit seinem stummen Telefon) zu vermeiden, wirkt, wie aus einem absurden Theaterstück. Wir warten. Kein Anruf. Boarding minus 20 Minuten. Irgendwann wird es mir zu bunt. Ich trete entschlossen heran und bringe mein Anliegen vor. Ja, das kann man machen, wenn WIR das so wollten. Ich gebe zu verstehen, dass wir hier alle bezweifeln, dass sein Gesprächspartner sich noch daran erinnere zurückzurufen und vermute, dass dies die einzige Lösung darstellt. Na schön. Dann halt bis La Réunion. Ob er schon was über den Anschlussflug weiß? Nein, natürlich nicht. Das sagen uns alles die Leute da unten. Wo, da unten? In Réunion? Ja, klar. Um Mitternacht, wenn wir ankommen? Sicher, sicher.

In den verbleibenden 15 Minuten hetzen wir durch die Sicherheitskontrolle, vermischen unser Handgepäck mit dem einer vollburkatragenden Großfamilie und dividieren es wieder auseinander. Wieder bis zum hinterletzten Gate. Kein boarding. Eine dreiviertel Stunde, dann tut sich was. Ein déjà embarqué. Über eine Stunde nach dem eigentlichen Zeitplan geht es los. Mit dem Piloten entschuldigt sich zum ersten Mal jemand offiziell für die Unannehmlichkeiten.

Kurz nach Mitternacht schlagen wir im Roland-Garros Flughafen von St. Denis, La Réunion auf. Wir möchten bitte alle unser Gepäck abholen. Ach was! Am Gepäckband schaue ich mich um. Wenn hier vor dem ersten boarding irgendjemand noch nicht urlaubsreif war, ist er oder sie es jetzt. Ein kleiner Schalter mit drei Austral Air Angestellten ist an der neuerlich formierten Menschentraube gut auszumachen. Ich stelle mich an. Wer sein Gepäck nicht hat, wird zum Band zurückgeschickt. Wir bekommen ein Voucher und einen Transfer zum Akoya-Hotel in St. Gilles. Heute geht es nicht mehr weiter. Und wann geht es morgen weiter? Flugplan? Bordkarten? Fehlanzeige. Wir fallen in den Oiseau-Bleu-Bus vor der Tür, dessen Fahrer die Gäste wegen des Koffergewichtes anmotzt. Nach einer dreiviertel Stunde setzt der Bus sich in der Tat in Bewegung und fährt. Und fährt und fährt. Fast eine Stunde die Küste nach Westen. Das Akoya-Hotel kann man dann nur als Lichtblick bezeichnen. Man fertigt uns schnell und freundlich ab, die Atmosphäre ist einladend. Nützt aber wenig, denn um fünf gibt‘s Frühstück, damit es um sechs mit dem Bus weitergehen kann. Ich schaue auf die Uhr.

Duschen eingerechnet werden wir in diesem luxuriösen Ambiente also mit Glück zwei Stunden schlafend verbringen. So ist es auch.

Der nächste Morgen. Traube am Bus. Bus zu klein. Aussteigen. Neuer Bus. Zwanzig Minuten Verspätung. Montagmorgenstau auf der Küstenstraße nach St. Denis, hatte keiner mit gerechnet. Insgesamt fahren wir zwei Stunden Bus. Das boarding ist jetzt offiziell vorbei. Wir hechten an den Schalter. Ein kleines Mädchen vor uns schläft auf dem Koffer, den der Papa wieder aufzugeben versucht. Ich kann sie verstehen. Am Schalter gute Neuigkeiten. Unser Gepäck wird direkt weitergeleitet. Wir müssen es in Mayotte nicht abholen. Haltmal… Mayotte? Ja, wir fliegen über Mayotte. Dort nochmal boarding nach Nosy Be. Das kann ja wohl nicht wahr sein. Doch, es gibt keinen Direktflug. Verdammt. Routiniert weiter. Vierte Sicherheitskontrolle seit Frankfurt. Eineinhalb Stunden dorthin, wo wir etwa herkamen. Eineinhalb Stunden schreiendes afrikanisches Mädchen vor mir. So langsam ist Sense. Mayotte, die Frisur sitzt. Wieder raus. Neue Bordkarte. Wieder rein.

Boarding. Bus. Der fährt genau zweihundert Meter bis zur einzigen Maschine auf dem Rollfeld. Holprige knappe Stunde bis Nosy Be. Ein Schweizer vor uns will Euro gewechselt haben. Möglichst klein. Von mir aus. Auf Nosy Be passt zwischen Palmen, Hütten und Meer eine Landebahn.

Da. 53 Stunden nach dem Nieselregen. Wie viele Leidensgenossen mögen wohl das Strandtuch geschmissen haben?

Un p’tit cadeau?

Zu unserem Hochgenuss ist auch unser Gepäck angekommen. Vom Gepäckband trennt uns die sehr improvisiert wirkende Landesgrenze des Staates Madagaskar. Visum. Am wichtigsten ist es, dass die 25 € p.P. über die Theke gehen. Ein kleines Kunstwerk aus Visum, Stempel und Signaturen wird in unseren Pass kalligraphiert. Durchaus sein Geld wert. Zur Passkontrolle bitte. Aber wir haben doch eben…? Komm, einmalnichdrübernachdenken, zweimalnichdrübernachdenken… Ja, alles in Ordnung, das Visum ist da. Es hat die Zweimeterfünfzig von seiner Ausstellung bis zur Kontrolle gut überstanden. Die Einreisebeamte nickt, behält unsere Pässe und lächelt freundlich – für meinen Geschmack etwas zu freundlich und etwas zu lange. Sie murmelt etwas durch das Gals und ich  könnte schwören das Wort „cadeau“ gehört zu haben, wenn es nicht so abwegig wäre. Ich frage nach und nochmal nach, weil ich es nicht glauben kann. Die Grenzbeamtin will Trinkgeld. Meine Frau überspringt im Geiste die nächsten Schritte, in denen ich meine Affenwut kriege und eine Diskussion vom Zaun breche, knufft mich und sagt: „Die hat unsere Pässe.“ Hätte ich dem Schweizer nur nicht meine ganzen kleinen Euros gegeben. Der war offenbar schon mal hier. Wir lassen unsere zur Zeit wankende (hier superstabile) Gemeinschaftswährung rüberwachsen und nehmen mit einem Bitterlemongesicht unsere Pässe wieder entgegen, Stempel inklusive. Wir müssen dann noch über die Visakontrolle. Issjawohlein Scherz. „Wenn der jetzt auch noch Trinkgeld will, kommen wir heut‘ Abend in den Nachrichten!“ „Reiß dich zusammen!“ Nein, der ist ganz harmlos, der will nur gucken. Zoll. Klar. Zoll. Prima. Koffer bitte hochwuchten. Mach ich. Was zu deklarieren? Nö. Dann is‘ gut. Koffer bitte wieder runterwuchten. „Wollen die mich veräppeln?“ „Bleib ru-hu-hiiiig.“

Draußen bricht mir erst mal der Schweiß aus und irgendwer nimmt mir meinen Koffer weg. Hoffentlich gehört der zum Hotel. Tut er nicht. Will aber nur 2 $ für fünf Meter Koffer tragen. Prima. Auch sonst allerlei fahrendes Volk unterwegs. Eine Voyante bietet ihre Dienste an. „Votre chance, Monsieur?“

„Nein, zu spät, Madame! In Paris, da hätte ich Sie gebraucht! Na, wo waren Sie denn da? Häh?“ Meine Frau zieht mich weiter. Wir werden erwartet und steigen in einen alten Hyundai. Quer durch Nosy Be geht die Fahrt auf einer Buckelpiste aus Sand und Pfützen (ist ja grade Regenzeit). Unser Fahrer hat mitbekommen, was sich so zugetragen hat und fühlt sich irgendwie verantwortlich.

Jedenfalls kümmert er sich rührend darum, uns wieder mit der Reise zu versöhnen. Wir halten an einem Cananga-odorata-Baum und pflücken einige Ylang-Ylang Blüten. Die, so erklärt man uns, sind eines der Geheimnisse in der Fertigung von Chanel N°5 und werden Tonnenweise nach Paris geschickt. Später bekommen wir mit, dass Ylang-Ylang in Madagaskar gar nicht endemisch wächst. Der Baum wurde in den fünfziger Jahren aus Malaysia und Indonesien durch die Franzosen zuerst nach La Réunion verbracht, wo sie aber nicht wachsen wollten. Danach hat man es in Mayotte versucht und schließlich in Nosy Be. Wir fühlen mit den Ylang-Ylang Blüten, denn wir kennen den Weg. Hier wächst der Baum nun als Strauch und wird kleingehalten wie die Kolonien früher durch die Franzosen. Alle zwei Wochen werden Blüten geerntet. Pro 30 kg Blüten wird ein Liter Destillat gewonnen.

Spätestens als wir das erste Chamäleonpärchen sehen, hebt sich unsere Laune merklich. Auge in Auge stehen wir uns gegenüber, wobei mir nicht klar ist, wo mein schuppiger Freund eigentlich hinschaut. Ich lasse ihm mein head-and-shoulders Probepäckchen und wir holpern weiter. Gern wären wir in einem Dorf ausgestiegen, aber das ist nicht. Hier sind heute alle festlich für eine Beerdigung, lieber keine Touris.

Vergeblich suchen wir einen Bootsanleger und werden gewahr, dass es hier nur einen großen Anleger gibt. Die Einheimischen nennen ihn Strand. Wir legen die Turnschuhe ab und krempeln die Langen Jeans hoch. Also los. Als wir zwischen Nosy Be und Nosy Komba (Heimat der Lemuren) hindurchschippern, haben wir das Gefühl, als könne der Urlaub nun losgehen. In der Ferne zeichnet sich im Dunst ein Eiland mit einer markanten Landzunge und einem hügeligen Rücken ab, wie eine Beschwörung aus einer fremden Welt – Tsarabanjina.

Tsara be

Beim Aussteigen die schönsten nassen Füße der Welt. Alle stellen sich vor. Ich kann mir kaum einen Namen merken, zumindest ein paar Gesichter. Wir sind in der Regenzeit unterwegs, Nebensaison. Den sechzehn Gästen stehen mindestens zwanzig Angestellte gegenüber. Man spricht hier ein Français très relaxé, keine Not zum Konjugieren und so, prima. Wir kommen wieder in den flow. „Le flow“ wie der Franzose sagt. Dieser endet abrupt vor der Villa 14 in den Liegestühlen unserer dem Inselgranit abgetrotzten kleinen Aussichtsplattform mit der Erkenntnis, die letzten drei Tage hätten sich wohl gelohnt. Unser palmblattgedecktes Hüttchen mit dem großen moskitobenetzten Himmelbett verschwindet langsam unter einem blutenden Wattehimmel, der sich irgendwo über Mosambik ins Meer senkt. Alles richtig gemacht.

Tsarabanjina ist so klein, dass sich auf „Google maps“ keine Landmasse gegen den indischen Ozean abgrenzen lässt. Lediglich der Schriftzug der Constance Lodge lungert verloren im Google- Meeresblau herum. Nach einer Begehung der Küstenlinie, bestehend aus dem Nordstrand, an dem wir wohnen, dem Oststrand (einem unbebauten kleinen Stückchen Insel), dem Südstrand und dazwischenliegenden Felsen konstatiere ich 2700 Meter Küstenlinie. Da reicht schon eine hohe Welle… Der letzte Zyklon (≠ die Leute mit dem einem Auge) suchte die Insel 2013 heim. Wir setzen auf einen Vierjahresrhythmus und bleiben ruhig. Tatsächlich ist das Klima in den einzelnen Teilen Madagaskars sehr unterschiedlich, wird uns erklärt. In Tana (kurz für die Hauptstadt Antananarivo, weil das keiner aussprechen kann und will) kann es wegen der Lage auf über 1000 Metern ziemlich kalt werden. Jenseits der zentralen Bergkette an der Ostküste sind regenlose Jahre durchaus möglich, während es im Nordosten im hiesigen Sommer oft regnet (zu unserem Erstaunen nur nachts).

Tsarabanjina hat sein eigenes (sehr unwetterarmes) Mikroklima und – mit MEZ +3 – eine andere Zeit als die Hauptinsel, die auch gerne der achte Kontinent genannt wird (für alle die nachrechnen: Antarktis nicht vergessen!). So verschieden wie die Klimazonen sind auch die Menschen, die sich in ihnen tummeln. Wir bekommen eine Geschichtsstunde von Ramiandrisoa Hery Gedeon, der uns zunächst mal seinen Namen erklärt: l‘homme qui attend toujours le bien. Selbst Nosybeaner, organisiert er Tagesausflüge zu benachbarten Inseln im Auftrag der Na- und Kultur. Den einen

„Malgache“, so lernen wir, gibt es nicht. Die Leute von der Küste, zu denen er sich selbst rechnet (er gehört zum Antakarana-Stamm), seien nicht die Cleversten, in der Regel Fischer. Die Hauptstädter seinen cleverer „plus malin“, aber das sei auch eine ganz andere Rasse, die Sakalava, hervorgegangen aus der mélange mit asiatischen Völkern, vor allem den Malaien. Die Menschen an der Westküste haben sich mit den ostafrikanischen Völkern vermischt, während die Ostküstenbewohner ihren Einschlag aus den arabischen Staaten bekamen. So hat also die menschliche DNA auf Madagaskar einen regen Austausch erfahren, wohingegen die Tierwelt sich hier in einer Abgeschiedenheit entwickeln konnte, die ihresgleichen sucht. Heute leben auf Madagaskar Tierarten, die es nirgends sonst auf der Welt gibt. Dazu zählen auch die Lemuren und der Tenrek, eine knuddelige Mischung aus Igel und Wildschweinfrischling. Ob es zwischen den einzelnen Stämmen Auseinandersetzungen gibt, wollen wir wissen. Nein, eigentlich nicht. Die Malgaches haben es offenbar immer so genommen, wie es kam. Einige Könige konvertierten zum Christentum, dann kamen die Franzosen (und vor ihnen die Engländer) in Schaaren, brachten allerlei mit, unter anderem auch das Wissen um den Gebrauch von Schusswaffen, was einzelne Stämme überlegen machte und Allmachtsphantasien beflügelte, nahmen aber meist noch mehr mit, als sie brachten. Nicht selten setzten die Nachfolger dieser Herrscher wieder den alten, animistischen Glauben ein (von dem es auch hunderte Varianten mit verschiedensten Bräuchen gibt) und jagten die Franzosen vom Hof. Im Prinzip ging das so bis 1958, als sich die Malgaches die Unabhängigkeit erstritten. Nur wenig Blut (welches zusammen mit der Erde die rote Farbe in der Landesflagge darstellt) wurde vergossen, darauf ist er hörbar stolz (das Weiß der Flagge symbolisiert übrigens eben diese stolze Volksseele der Malgaches). Der Vollständigkeit halber symbolisiert das Grün der Flagge die bereits beschriebene Biodiversität – und fertig ist die Fahne. So ganz einfach gestaltet sich die jüngere Geschichte Madagaskars dann aber doch nicht. Die von den Franzosen eingesetzten Machthaber sind nicht mehr, man bevorzugte Leute von der Küste, die waren nicht so „malin“ und daher leichter steuerbar. Der seit 1960 freie Staat mit Bodenschätzen, Erdöl und hohen landwirtschaftlichen Erträgen macht sich selbst unfrei. Die ersten Machthaber missbrauchen ihre Position, immer wieder werden Despoten vom Militär gestürzt und wieder umgekehrt. Man sucht die Nähe zum Ostblock, um sich von Frankreich abzugrenzen, nach 1990 dann wieder zu Frankreich. Mehrere Generalstreiks legen das Land lahm, teils bis zu einem halben Jahr, Wahlen werden manipuliert und dieselben Schachfiguren hin und her bewegt. Dazwischen hat Disney einen Pinguinfilm gedreht.

Heute gehört Madagaskar zu den zwanzig ärmsten Ländern der Welt – und das leider ohne Not. Dabei gibt es hier auch so etwas wie schlechtes Karma, nicht in dem Sinne als Spülmittelflasche oder kleine schwarze Olive wiedergeboren zu werden, aber das Konzept der Seele (daher Animismus) ist ein ganz besonderes. Nicht nur, dass von einem Fortbestehen der Seele ausgegangen wird, diese „lebenden Seelen“ sind omnipräsent. Falsche Handlungen können die eigene und/oder die umgebenden Seelen kränken und das Schicksal verschlechtern. Daher existieren sogenannte „fady“, Ge- und Verbote für ein anständiges Leben – dann klappt‘s auch mit den Seelen. Das malgache „aza fady“ bedeutet so viel wie „Entschuldigung“ oder „möge es kein fady sein“.

Wir hoffen sehr, dass es kein fady wird, als wir am nächsten Morgen auf Erkundungstour gehen. Über die Nacht haben wir Kontakt mit der lokalen Fauna gemacht und uns besser kennengelernt. Mal stach man uns, mal hauten wir zurück. Die Klimaanlage hatten wir, an den Winter gewöhnt, ausgeschaltet (an zudecken nicht zu denken) und auch kein „No Bite“ oder ähnliches versprüht. Das Moskitonetz funktionierte tatsächlich so, dass es die Aedes-Clique drinnen statt draußen hielt und die riesen Dose Mücken-Ex, die wir in den kommenden Tagen jeweils einmal täglich aufbrauchen sollten, entdecken wir erst am nächsten Morgen. Nun gut. Unter einer Lackschicht aus Cortisonsalbe und Autan treten wir auf die Holzplanken der Terrasse unseres Domizils und bewundern die angenehmen Auswüchse der hiesigen Fauna. Die Moskitos (jene, die meiner fürchterlichen Rache entgangen sind) haben schon alle ihre kleine Stechuhr bedient und sind in der Heia – über Tag trifft man kaum welche – da läuft uns einer der zahlreichen Strandläufer über die Füße. Da die kleinen spitzgeschnäbelten Zeitgenossen regelmäßige Tauchbäder in den Fußwaschbecken links und rechts unseres Bungalows nehmen, sind sie quasi omnipräsent. Kein Vergleich zu den spatzenähnlichen Viechern auf la Digue aber mit großer Zurückhaltung geht man auch hier nicht ans Werk. Zuweilen wird, wenn wir dann doch mal das Fußbad brauchen, etwas geplustert und gemotzt, wir pflegen diese Hahnenkämpfe aber dank körperlicher Überlegenheit in der Regel zu gewinnen. Gerade eben zirpt ein kleiner Kerl neben mir so penetrant, dass ich ihn doch mal nachschlage: Aha, der Paradiesschnäpper, Symbol der Insel. An der vorderen rechten Ecke unseres Palmblattdaches wird gebaut, ein Paradiesschnäppernest. Heute scheint Richtfest zu sein und das Gezirpe reißt nicht ab. Bevor Papa-Schnäpper das Fass ansticht  sind wir schon weg und wandern gedankenverloren den Nordstand hinauf. In der Ferne sind vier massive Granitformationen auszumachen, die „les quatre frères“ genannt werden. Der Legende nach hatte einer der – ehemals fünf – Brüder Streit mit drei der anderen, was den vierten Bruder so traurig machte, dass er nicht mehr bei den anderen bleiben wollte. Fortan war sein Kummer so stark, dass  ihn auch die Vögel nicht mehr besuchen wollten und so ist es geblieben. Der fünfte Bruder heißt heute „Île Sucreé“ und liegt in einiger Entfernung. Am Ende des Nordstrandes ragt der bergige Inselrücken auf, den man zwar auf den großen Granitfelsen umlaufen kann, bei Flut aber beschwerlich. Wir entscheiden uns, durch das Inselinnere abzukürzen, nicht zuletzt weil einige der in den Granit gewaschenen Formationen aussehen wie riesige Fußabdrücke und wir im Flieger „Jurassic World“ gesehen haben. Wir passieren den Shop und kaufen ein – für zigtausende Ariary (der steht zum Euro aktuell 1 zu 3500) – und gelangen zum Süd- und über diesen zum kleinen beschaulichen Oststrand. Jetzt doch sehr erleichtert über die Entscheidung für festes Schuhwerk übersteigen wir die bizarren Felsformationen nach Osten, die zum Teil vollkommen mit Muscheln bewachsen sind. Kleine bleiche Krebse fliehen vor uns – wohl Europäer. Wir erreichen unter knackendem Korallenbruch die kleine Halbinsel, die Tsarabanjina nach Südost abschließt. „Un lieu sacré“ hat man uns gewarnt, mit vielen fadys eben. Die Sakalava haben hier nämlich ihre Häuptlinge beigesetzt und noch heute ist die presque-île eine Opferstätte. Die gängigsten Opfer sind Rum, Zebu (die buckligen Kühe), Hühnchen und bleiche Missionare. Wir wurden gefadyt eine Kopfbedeckung zu tragen – so sei es.

Nach einer Weile des Kraxelns um das Halbrund haben wir keine Gräber entdeckt. Ich entschließe mich, über eine kleine Schneise zu hüpfen, während meine Frau zurückgeht. Irgendwo müssen die doch liegen. Ich gebe entnervt auf. Den Opferdollar, den ich mangels Rum (und Zebus) eingesteckt habe, klemme ich symbolisch in eine Felsspalte.

Plötzlich erscheint in der gleißenden Sonne vor mir eine Gestalt, die ich zuerst nur schemenhaft abgrenzen kann. Nach einigen Sekunden, die mir wie Stunden vorkommen, kann ich den alten Mann mit dem pointilistisch dekorierten Antlitz gut erkennen, dennoch haftet ihm etwas Geisterhaftes an. Er steht nur da und fixiert mich. Kein Laut. Auch nicht von mir. Binjanichdoof. Dass es sich um eine der vielen wandelnden Seelen handeln muss, von denen man so oft hört, wird mir klar als er – durch einen der Felsen hindurch – auf mich zukommt. Bei 30 Grad im Schatten wird mir eisenskalt. Das hätt‘s nun nicht gebraucht. Jeden Urlaub aber auch dasselbe. „Servus!“ beginne ich eine Konversation, wir sind schließlich im Südosten der Insel. Kein Wort. Der Blick durchsichtig aber versteinert. Fadymäßig  laufen die Dinge eher schlecht für mich. Man wird gesprächiger. Ich habe die Ruhe der Ahnen gestört. Mir klar. Das ist fady. Hab ich mir irgendwie gedacht. Ich habe mein Haupt mit einem lächerlichen Hut bedeckt. Na hör mal, mein schönes Buff. Und ich habe nichts geopfert. Wohl: einen Dollar, da hinten steckt er. Ob mir der Dollarkurs geläufig sei. Ja, schon, aber es kommen auch wieder bessere Zeiten. Mehr hab‘ ich jetzt auch nicht da. Dann müsse ich mit meinem Leben zahlen. Das find ich jetzt aber ein wenig zu hoch gegriffen. Und dann noch dazu hier, wo ständig irgendwelche Touris meine Totenruhe stören, nähnähnäh. Mann, erst diese Affenanreise und jetzt das. Plötzlich hellt sich das versteinerte Gesicht meines Gegenübers auf. Anreise? Aber doch nicht etwa Air Austral? Stimmt. Wie kommt er denn jetzt darauf? Die wandelnde Seele bricht in schallendes Gelächter aus und kugelt sich auf den Felsen, sofern das einem Entleibten physisch möglich ist. Nein sowas komisches, das hat er  ja noch nie gehört. Über Paris, nicht wahr, muhahaha. Und dann von La Réunion nach Mayotte. Er kringelt sich. Ja-haaa, is‘ ja gut. Tränen der Freude strömen über sein Gesicht. Nein, so ein scheiß fady hätte nicht mal er sich ausdenken können. Er holt tief Luft (als ob er die bräuchte) und setzt sich. Nein, Junge, ihr seid gestraft genug, die zornigsten Götter sitzen bei Air Austral. Er bedeutet mir, mich auch zu setzen und zieht an einem Pfeifchen, das er weiterreicht. Jetzt nur kein Risiko mehr eingehen. Mmmh, schon schlechter geraucht, hüsthüst. Was ist das? Zebudung. Mmmh….

„Lauf! Er hat mich gehen lassen.“ – „Wer?“ – „Die wandelnde Seele… is‘ doch jetzt egal. Wir haben aus Mitleid sogar den Dollar zurückbekommen.“ – „Na gut, ich frag schon nicht mehr.“ Völlig durch landen wir schließlich in der Bar. Darauf erst einmal einige Gin Tonic ohne Tonic. Zum ersten Mal genießen wir die Freuden eines all-inclusive Urlaubs. Die zu allen Himmelsrichtungen offene Bar mit Restaurant im Westen der Insel wird von kräftigen Baumstämmen gehalten die – das ist hier durchaus nicht gewöhnlich – auf einem zementierten Fundament lagern. Ihre breite Treppe wird von kokosnusstragenden Palmen gesäumt, der Boden besteht aus feinstem Sand. Hier lässt es sich aushalten. Oben im Restaurant serviert man uns allabendlich, was die Fischer am Tage heimbringen und das ist von ausgesuchter Qualität. Einen Kühlschrank braucht es kaum, da der Fisch quasi aus dem Meer auf den Grill kommt und auch ungegrillt genießbar ist. Außerdem wird uns das Wappentier der Insel serviert, das Zebu. Die Kühe mit dem Buckel sind eine Herzenssache der Malgaches, ohne sie wäre kein Feld bestellt, kein madagassischer Magen gefüllt und der Transport zwischen den Örtchen auf den ebenso buckeligen Sandpisten eine Qual. Selbst die madagassische Fußballnationalmannschaft ist nach ihnen benannt. Schade also, dass es das Zebu nur auf den 500 Ariary-Schein geschafft hat. Ein Politikum, über das sich Rami trefflich aufregen kann. Er drückt mir bei einem unserer Gespräche eine ganze Handvoll Ariaryscheine (im Gegenwert von nicht mal 5 €) in die Hand und hadert. Das Zebu kommt schlecht weg als Motiv, auch die Lemuren. Auf dem 10.000 Ariaryschein findet sich dagegen ein Piktogramm eines realexistierenden Straßenarbeiters, der große Genugtuung über die erfolgreiche Fertigstellung des madagassischen Straßennetzes empfindet, zu Ehren des Präsidenten und vom Stil her durchaus dem Ostblock vor 1980 zuzuordnen. Dass das wichtiger sein soll als das Zebu, das geht gar nicht. Die Zehntausendernote (etwa 3 Euro) heißt übrigens „une nuit“, nicht nur, weil die Landbevölkerung Zahlen in dieser Größenordnung nicht auszusprechen gewöhnt ist. Ob es nun eher der Gegenwert einer Nachtschicht oder einer ganz anders gearteten Nachtbeschäftigung ist, lässt unser Freund mit einem verschmitzten Lächeln offen, es heißt eben „une nuit“, basta. Zebufleisch ist davon abgesehen eine wahre Offenbarung und sehr zart. Hier wird es in einer Pfeffersauce serviert und ich habe das Glück, noch ein zweites zu bekommen, nämlich das meiner Frau, nachdem ich Bilder von süßen Zebukälbchen gegoogelt habe, und ihr der Appetit vergeht. Auch madagassischen Wein aus „Tana“ probieren wir, worüber sich Issa, unser Sommelier sehr freut. Wir finden, er schmeckt wie Elbling, aber das nimmt Issa erstmal als Kompliment.

Als die Nacht hereinbricht, versammelt man sich zu madagassischer Folklore am Strand. Ebenso wie die Tatsache, dass man bei diesen Temperaturen eine solche Frequenz trommeln kann, überrascht es uns, dass wir Pizzahäppchen gereicht bekommen – mit Serrano. Sogleich lernen wir Massimo und seine Frau kennen, die uns aufklären, dass Madagaskar tourimäßig fest in italienischer Hand ist. In der Tat gibt es einen Direktflug aus Mailand – das wär‘s gewesen! Neunzig Prozent der Gäste sprechen italienisch und die Madagassen auch – fließend und besser als Französisch. Ich gebe zu verstehen, dass ich italienisch nur mit den Händen spreche und vollführe einige einschlägige Gesten der jahrelangen Erprobung. Aufgrund des fortgeschrittenen Alkoholpegels geht das aber in Ordnung. Wir verabschieden uns, denn morgen geht es früh los…

Nosy Komba

Wer in den Trickfilmen richtig aufgepasst hat, dem ist klar, dass es neben Pinguinen auf Madagaskar natürlich auch Lemuren gibt. King Julien wollen wir natürlich mal gesehen haben und heuern um acht Uhr dreißig zur eineinhalbstündigen Überfahrt an. Rami sitzt neben mir und erörtert die madagassische Öffentlichkeit. Seinen Führerschein hat er verloren. Wenn er den jetzt wiederhaben will, muss er quer über die Insel nach Tana. Zwar gibt es Flugzeuge, wenn er aber den konventionellen Weg wählt, ist er unter Umständen Tage unterwegs, da muss er einen Sack Reis mitnehmen (da es auf dem Weg keine Restaurants oder Supermärkte gibt). Angekommen müsste er dann aus einem großen Regal der in 2011 ausgestellten Führerscheine seinen heraussuchen – er selbst und ohne Computer. Das kann durchaus Tage dauern. Was er stattdessen macht, will ich wissen. Er lässt eben bei der Führerscheinkontrolle ein paar Ariary rüberwachsen. Die bekommt natürlich der Polizist. Da könnte ich Geschichten von der Grenze erzählen, aber gut… Rami fällt mir ins Wort. Einmal, so berichtet er, hat sich ein befreundeter Polizist, als für eine anstehende Party Ebbe in der Kasse herrschte die nötigen Bestechungs-Ariary in kürzester Zeit zusammenkontrolliert. In Personalausweisen wird in der Regel beim Geburtsdatum eingetragen „im Frühjahr 2016“ – wenn Mutter und Kind die Geburt gut überstehen. Dreißig Prozent perinatale Sterblichkeit, nein, nicht in Tana, wo die meisten hingehen, die es sich irgendwie leisten können, sondern hier. Das Gesundheitswesen beruht auf dem Selbstzahlerprinzip. Eine Anamnese, Statuserhebung und ein Rezept kosten „une nuit“, wer nicht zahlen kann nimmt Heilkräuter oder geht ein wie eines.

Wir erreichen die Küste. Die Inselhauptstadt Ampangorina liegt vor uns. Früher wurde hier Zuckerrohr zu Rum destilliert, der Name der Stadt trägt dem heute noch Rechnung, obwohl es kein Zuckerrohr mehr gibt. Auch Reis wird nicht mehr angebaut, seit zu viele Mangroven den Anbauflächen zum Opfer fielen. Doch nicht nur die Tage von Onkel Ben sind gezählt. Oben auf 670 Meter, der höchsten Erhebung der Insel, liegen 99 Franzosen begraben, Opfer einer Choleraepidemie, die nur einer der einhundert stationierten Franzosen überlebte. Ampangorina besteht aus wenigen gemauerten Häusern, die überwiegend von Europäern bewohnt werden, sowie einigen Dutzend  Bretterverschlägen ohne Tür oder Fenster. Wer sein Dach mit Wellblech ausstattet gehört schon zu den Glücklicheren und schützt es durch große Wackersteine vor dem Wind und den Nachbarn. Im Übrigen werden die Hütten in Handarbeit aus der Ravenala Madagaskariensis, dem „travellers tree“ gefertigt, die Grundkonstruktion aus den Stämmen, die Dächer aus den Blättern. Ein neues Dach wird alle sieben Jahre fällig. Wir Mitteleuropäer sind erst einmal erschlagen von der scheinbaren Armut, die uns unterkommt – Kinder, die selbst Kinder haben tragen diese schreiend vor sich her, als wir zwischen den improvisierten Abfalleimern mit Hühnerfedern und sonstigem Allerlei durch die sandigen Hinterhöfe geführt werden. Man hockt auf dem Boden und rasiert sich gegenseitig den Schädel oder hält Siesta. Über einige Hauptstädter, die auf den Lehmböden liegen, stolpern wir fast. Hühner- und Entenfamilien kreuzen unseren Weg. Hie und da wird ein rostiger Topf geschrubbt und die Alten vor den Hütten sehen uns kauend und missmutig nach.

Von Armut keine Spur, berichtet Rami, die Insel gehört zu den wohlhabenden Gebieten der Region, sogar des gesamten Landes. Hier gibt es Obst, mehr als genug für den Eigenbedarf – es wird exportiert – Fisch en masse, der mit Handfangnetzen aus der seichten Brandung gezogen wird und frisch oder geräuchert über die improvisierten Theken geht, außerdem fließendes Wasser für alle, das in großen Rohrsystemen von den Süßwasserfällen im Zentrum der Insel zur Küste geleitet wird und allen kostenlos an einzelnen Brunnen im Stadtzentrum zur Verfügung steht. Die Rohre sind in regelmäßigen Abständen mit Löchern versehen, in die man ein flaches Hölzchen einbringen kann, um eine sprudelnde Quelle zu erhalten. Außerdem gibt es hier sauberes Grundwasser, einen immergrünen Mangrovenwald und die Lemuren, die eine weitere überlebenswichtige Spezies anlocken – uns. Wir stellen einen entscheidenden Wirtschaftsfaktor dar und werden daher bedächtig an den, in der gleißenden Sonne feilgebotenen, handbestickten Tischdecken und geschnitzten Minilemuren vorbeigeführt. Wir sollen bitte handeln macht Rami klar:

„Ici, tout est disponible, tout est discutable au Madagascar.“ Wir kaufen zwei Krötendecken und Minilemuren für zu Hause, die wir später abholen wollen, wir sind hier ja wirklich leicht wiederzuerkennen.

Es klingelt zur Pause. Eines der wenigen gemauerten Gebäude entleert aus seinen türenlosen blaugetünchten Löchern zahlreiche Schulkinder, die sich sofort auf dem „Hof“ die Murmeln wegnehmen und prügeln – wenigstens das ist wie zu Hause. Die FID (fédération internationale du développement) hat die größten Gebäude der Stadt der Bildung gewidmet (während sie bei uns ja in der Regel der Bank der Industrie und dem Bürgermeister gehören) und Bildung in ihrer reinen Form ist hier ein klarer Vorteil. Mario, unser guide, spricht Englisch, Französisch, Italienisch, ein paar Worte Deutsch und Spanisch. Italienisch hat er in sechs Wochen gelernt (gut, er konjugiert nicht, aber wer macht das hier schon) und wenn jetzt noch mehr Deutsche kämen, sagt er, hätte er das auch schnell drauf. In Deutschland würde er sicher immer noch zur Schule gehen, denn ich schätze ihn mal auf sechzehn Jahre. Auch ein Krankenhaus ist hinter Wäscheleinen und Schlammpfaden mit Hilfe der FID entstanden, getüncht in einem lieblichen Eitergelb, Grundriss geschätzte 70 m², bullenheiß, die kleinen Fenster mit Brettern vernagelt. Medikamente bestellt man per Handy und hat sie mit Glück in einigen Tagen. Mario fischt mit einem Ast ein Chamäleon aus einem Baum und lässt es über meinen Rücken krabbeln. Die kleinen Pfoten krallen ganz schön, aber mit dem Blut kann man wenigstens den Moskitos eine Freude machen. Während die sich schon die Lätzchen anziehen, erläutert Mario das zwiespältige Verhältnis zu den Chamäleons. Den meisten Insulanern sind sie suspekt, manche fassen sie nicht an, das kommt wohl daher, dass es unter den Chamäleons, sobald der Sommer naht, ein ähnliches Phänomen zu beobachten gibt, wie unter den europäischen Lemmingen: sie begehen Selbstmord, wenn keine Weibchen mehr zu begatten in der Nähe sind und keine Fliegen mehr zu finden sind. Dabei hängt sich das Chamäleon mit dem Schwanz an einen Ast, wechselt zum letzten Mal die Farbe, schreit „Warum nur?“ und lässt sich fallen. Man stelle sich ein ähnliches Verhalten beim Menschen vor – unmöglich. Nahrungs- und Frauenkarenz hätte uns in dem Falle vor dem Comeback der Combo „Modern Talking“ bewahren können, falls es deren Mitgliedern physisch möglich gewesen wäre, sich auf die geschilderte Weise von einem Ast hängen zu lassen. Schade eigentlich.  

Wir haben ein wenig Zeit eine tortue géante zu heimeln, die die angebotene Banane ablehnt. Sie wurde von den Seychellen importiert, um den lokalen Faunabestand etwas aufzupeppen, kam uns auch gleich bekannt vor. Die lokale Strahlenschildkröte (astrochelis radiata) ist wesentlich kleiner und lässt sich gerne mal hochnehmen und knuddeln, dafür gibt‘s ja schließlich auch Bananen. Nachdem wir einer Gruppe zurückkehrender Italiener beim Stolpern und Baden im schlüpfrigen Fango zugesehen haben, sehen wir in der Ferne kleine rote Augen im Gebüsch. Zunächst tippen wir auf Markus Söder, aber der hat ja momentan genug damit zu tun, die Schwarzen aus Bayern rauszuhalten (also die Flüchtlinge, nicht die Katholiken). Mit großer Neugier mustert uns eine Lemurenfamilie, die sich mit „Makimakimaki“-Rufen problemlos anlocken lässt, was allerdings wohl eher an den Bananen liegt. Ein Italiener wird direkt angesprungen und quittiert dies mit den entsprechenden Gesten. Eine kleine pelzige Hand entlockt mir die letzten Bananenstückchen und ein wildes Geschmatze dringt durch den Dschungel. Nach großen Blicken und ausgiebigem Näseln, ob denn alles Essbare gefunden wurde, hasten die Seelen der Toten („les morts“ – „lémurien“) davon. Entgegen der einschlägigen Lehrfilme tragen sie keine kleinen Kronen oder Baströckchen und tanzen auch nicht zu „I like to move it“.

Mario fischt etwas aus einem gemauerten Bassin, als wir auf dem Rückweg mal wieder auf Massimo warten müssen. Aha, eine Boa. Als sie längst um meinen Hals baumelt erfahre ich dann, dass es auf Madagaskar keine Giftschlangen gibt. Ein beruhigender Gedanke. 

Im Nachmittag stapfen wir durch die seichte Brandung zurück zum Boot. Der Indische Ozean ist an den Stränden von Tsarabanjina nur einer moderaten Tide unterworfen, die täglich an einem Holzbrettchen angeschlagen wird. Auf unserer dringenden Suche nach Wasserschildkröten stolpern wir auf dem Weg zum Südstrand fast über ein Landschildkrötenbaby, das unsere Begeisterung nur bedingt teilt. 

Am Strand sehen wir uns mit einem der Grundprobleme des Schnorchelns konfrontiert: Meine Frau wird nur am Rücken braun! Wir starten Versuche des inversen Schnorchelns aber aspirieren häufig, also quasi bei jedem Atemzug. Also probieren wir es doch wieder mit dem Gesicht nach unten.

Nachdem wir uns mit der Strömung zur presque île haben treiben lassen, gestaltet sich die Rückkehr gegen die „undertow“ einigermaßen schwierig. Wir wollen schon aufgeben, als meiner Frau doch noch ein verdächtig stark gemusterter Stein ins Auge fällt, der sich auf vier Flossen davonmacht. Für ein kurzes Fotoshooting im „fish mode“ verweilt die Wasserschildkröte dann doch noch in unserer Nähe, bevor sie wieder die Weiten des Riffs aufsucht.

Ein letztes Mal überläuft der von Inseln gesäumte Horizont den glutroten Koloss wie eine Ahnung aus einer fernen Zeit und wir mit ihm. Der indische Ozean spült rhythmische Säume der Gleichmut über unsere Füße, die den moskitogeschundenen Überresten eines Axt-Gadermann-Kaninchens ähneln. Hauttyp 3 ist Geschichte, ebenso wie Opferdollars und Lemurenkot, Buckelrinder, Meeresbäder und fantastische Sonnenuntergänge, dann sind wir wieder gerne zu Hause – andere Vögel, andere Affen, dieselbe Sonne. 

War da noch was?

Aber ja. Am Fascene Airport in Nosy Be tragen wir unser Gepäck erst mal selbst, nützt aber nichts, weil uns gleich darauf zahlreiche Mitarbeiter in Uniform um ein „p’tit cadeau“ bitten und zwar so oft, bis wir irgendwann dreinschauen, wie ein Schwein ins Uhrwerk und ganz schön Nerven lassen. Der Einzige, der nichts bekommt, vollbringt das eigentliche Wunder und checkt unser Gepäck auf einem dampfbetriebenen Bambuscomputer von Nosy Be über La Réunion bis Paris und Frankfurt ein. Was soll ich sagen, vielleicht hätten wir der Dame bei Lufthansa nur ein p’tit cadeau in Aussicht stellen müssen. In der gleißenden Sonne des tropischen Flughafens kontrolliert man unser Gepäck besser als jemals zuvor, sogar auf dem Rollfeld werden noch mal provisorische Tische aufgebaut, wobei keiner weiß wieso, nicht mal die Damen und Herren hinter den Tischen.

In Paris wird zwar unser Gepäck problemlos weitergeleitet, wir aber nicht, jedenfalls bekommen wir ums Verrecken keinen Boardingpass. Mit ein wenig mora mora lässt sich aber auch der organisieren. Wir kommen wohlbehalten in Frankfurt an und auf dem Nachhauseweg liegt – na was wohl – Schnee. 

Zuhause angekommen, fallen wir in den tiefen Schlaf eines tropischen Delir. An uns vorbei ziehen karottensafttrinkende Makis, die nach Ylang-Ylang duften und mit einer Herde Zebukälbchen vor der immer noch belegten 7 warten, Air Austral Mitarbeiter mit Hauttyp 3, die umherrennen wie aufgescheuchte Strandläufer, wandelnde Seelen von Suizidchamäleons mit unserem Pass, die ein p’tit cadeau gegen Post-its in Pink und Grün tauschen, das Axt-Gadermann-Kaninchen, welches sich mit einer Wasserschildkröte paart (ziemlich sicher fady) – und irgendwo auf einer kleinen Insel streicht ein junger Mann zwei weitere Quadratmeter Wand

- mora mora, Mann!